Aufsätze

Jahressichtmarke 2010

jsm_2010In den vergangenen vier Jahren besaßen die Jahressichtmarken einen thematischen Hintergrund, der von der taoistischen Fünf-Elemente-Lehre herrührte: 2006 „Erde", 2007 „Wasser", 2008 „Feuer" und 2009 „Holz". Gibt man diesen Elementen eine kosmologische Anordnung, so würde das Prinzip der wandelnden Erde in den Mittelpunkt des imaginären Rades rücken und die verbleibenden vier Elemente auf zwei orthogonalen Achsen angeordnet werden.  Das bedeutet für die Vertikale: Wasser unten (großes Yin, Statik) – Feuer oben (großes Yang, Dynamik). Auf der Horizontalen befinden sich: Holz links (kleines Yang, Expansion) – Metall rechts (kleines Yin, Kontraktion). Metall stellt nun als noch ausstehendes fünftes Element den thematischen Bezug für die Jahressichtmarke des aktuellen Jahres her.

Das Präsidium der AUD hat als konkretes Motiv dafür einen Samurai mit Schwert ausgewählt. Zu den zahlreichen Analogien, zu denen Metall zugeordnet werden kann, gehört als Tageszeit der Abend. Deswegen sehen wir auf der Marke den Samurai als schwarze Silhouette vor dem orangeroten Himmel der der bereits untergegangenen Sonne.

In allen Hochkulturen hat das Schwert herausragende Bedeutung, nicht nur als Waffe, sondern auch als Symbol. Im Christentum wird es meist in der Hand Gottes dargestellt und dient dem Gericht über sündige Menschen. Nach dem Sündenfall wird der Eingang zum Paradies von einem Cherub mit flammendem Schwert bewacht. Im Islam ist es Symbol des Heiligen Krieges und der Gläubigen gegen die Ungläubigen. Im Buddhismus und Hinduismus symbolisiert es auf metaphysischer Ebene die Macht der Erkenntnis und der Erleuchtung. Auch im Taoismus steht das Schwert für alles durchdringende Einsicht und Sieg über die Unwissenheit. In Japan stellt es sinnbildlich Mut und Stärke dar.

In Heldensagen besitzt das Schwert häufig magische Kräfte und trägt auch einen Namen. Als Musiker möchte ich nicht versäumen, auf die Version der deutschen Nibelungensage des Komponisten Richard Wagner hinzuweisen. In seiner Operntetralogie „Der Ring des Nibelungen", uraufgeführt 1876 in Bayreuth, erhält das Schwert Nothung im Laufe der Handlung für die Helden Siegmund und Siegfried eine ganz besondere Bedeutung. Im fortlaufenden symphonischen Gewebe des Orchesters gibt der Komponist dem Schwert ein eigenes majestätisches Motiv im aufsteigenden C-Dur-Dreiklang, das den Hörer durch den strahlenden Klang der Trompete in seinen Bann zieht und von ihm als wiederkehrendes Leitmotiv sofort erkannt wird.

Als Macht-, Herrschafts- und Rechtssymbol gehört das Schwert zu den Reichsinsignien vieler Staaten. Solch ein Zeremonienschwert der englischen Monarchie kann man im Londoner Tower bewundern. Das wichtigste Prunkschwert liegt für uns Deutsche in der Schatzkammer der Wiener Hofburg. In der psychoanalytischen Interpretation und in der Traumdeutung ist das Schwert ein Phallus-Symbol, während die Scheide des Schwertes für das weibliche Prinzip steht.

jsm_2010In Japan ist das Schwert geradezu ein Synonym für den Kriegerstand. Höchste Schmiedekunst und geheimnisumwobene Technologie brachten ein ungeschlagenes Spitzenprodukt in der Geschichte der Hieb- und Stichwaffen hervor. Samurai-Schwerter sind gefährliche Waffen im kriegerischen Handwerk. Erst wenn alle anderen Waffen wie Bogen und Pfeile, Lanze und Speer ausgespielt waren, griff der Krieger zu seinem Schwert. Es diente ausschließlich zur Verteidigung im Nahkampf bis zum ehrenvollen Tod. Tokugawa Ieyasu (1543-1616) schreibt in seinen Gesetzen: „Das Schwert ist die Seele des Samurai, wer es verliert, dem soll nicht verziehen werden."

Unter den verschiedenen Arten ist für uns Aikidoka die Ausformung als Langschwert (Katana) hier am wichtigsten. Das Katana bezeichnet eine geschwungene Schwertform mit einfacher Schneide und ähnelt dadurch unserem europäischen Säbel, der allerdings stärker gekrümmt ist. Der große Unterschied ist aber die Handhabung: der Säbel ist als Einhandwaffe konzipiert, das Katana wird in der Regel zweihändig geführt. Das zum Rücken hin gebogene Katana besitzt eine Klinge von ca. 60,6 cm und einen Griff von unterschiedlicher Länge. Es stellt durch seine Krümmung eine perfekt Verlängerung des leicht gebeugten Armes dar.

Den Rahmen meines kleinen Aufsatzes würde es sprengen, die technischen Details der komplizierten Herstellung zu erläutern. Die vielen Arbeitsschritte können bis zu 6 Wochen umfassen. Es ist nicht nur der Schmied beteiligt, sondern auch der Polierer. Dazu kommen noch die Montierung an den kunstvoll verzierten Griff und die Herstellung einer Scheide aus Magnolienholzbrettern. Das schmiedemeisterliche Produkt trägt in zahlreichen Details die Handschrift der Werkstatt. Nur Angehörige des Krieger- und Hofadels übten das Schmiedehandwerk aus. Das Schmiedeviertel gehörte zur Ansiedlung unterhalb der Burg. Während der Arbeit war auf größte rituelle Reinheit der Kleidung und der Lokalität zu achten.

Die hoch entwickelte schmiedetechnische und künstlerische Ausfertigung eines Katana entsprach der außerordentlichen moralischen und gesellschaftlichen Wertschätzung der Samurai. Der Samurai-Staat endete de jure mit dem kaiserlichen Dekret von 1876, das jedes Tragen von Schwertern im öffentlichen Leben verbot und Zuwiderhandlungen unter Strafe stellte. Mit diesem Gesetz wurde die wirtschaftliche und militärische Sonderstellung des Kriegeradels der Feudalgesellschaft aufgelöst und die zivile, bürgerliche Gesellschaftsordnung in Japan eingeleitet.

Noch heute existieren zahlreiche traditionelle Schwertschulen, die das allgemeine Verbot des Kaisers Meiji überlebt haben. Nachdem die Schwerter ihre gesellschaftliche Bedeutung verloren hatten, blieben die Einzelanfertigungen als faszinierende Kunstwerke im In- und Ausland hoch geschätzt. Das gilt bis heute. Wer wie ich 2008 die große Samurai-Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer gesehen hat, wird das bestätigen. Die perfekt ausgeleuchteten Vitrinen mit den Katanas bildeten magische Anziehungspunkte für die Besucher. Die Magie des Schwerts spürt man auch in den japanischen Schwertfilmen, Historiendramen, die meist in der Edo-Zeit von 1603 – 1867 spielen.

Obwohl leidenschaftlicher Cineast, kann ich hier nur auf wenige Titel eingehen. Mit Die sieben Samurai konnte 1954 der japanische Regisseur Kurosawa Akira einen seiner größten Erfolge verzeichnen, der auch mit zwei Oscars gewürdigt wurde. Mit The Magnificent Seven gab es 1960 schon ein amerikanisches Western-Remake. Die Einflüsse des Samurai-Films sieht man auch im Italo-Western. In jüngster Zeit führen ästhetische Korrespondenzen zu Hollywood-Produktionen wie Star Wars von George Lucas oder Kill Bill von Quentin Tarantino, die sich in den atemberaubenden Kampf-Choreographien und der philosophisch verbrämten Lebensführung der Akteure an den japanischen Vorbildern orientieren. Letztlich zeigt auch The Last Samurai mit Tom Cruise von 2003, dass das Genre des Samuraifilms im Westen nach wie vor ein nicht unerhebliches Interesse findet.

Im Aikido-Training, wie wir es praktizieren, wird aus Sicherheitsgründen anstelle des Katana ein Bokken als hölzerne Übungswaffe eingesetzt. Wir sollten dennoch immer die Leib und Leben bedrohende Wirkung des Originals in unserem Bewusstsein erhalten. Auch aus Holz bedeutet die vom Uke geschwungene Schwertklinge für den angegriffenen Nage eine vielfältige Herausforderung: in Distanz, Timing und Griff muss er sich bewähren. Beim Üben der verschiedenen Verteidigungstechniken gegen einen Schwertangriff ist vollkommene Haltung gefragt. Sie verleiht Kraft und Stärke, in der jeweiligen Technik werden Zweckmäßigkeit und Schönheit des Aikido sichtbar. Die präzise, schlüssige und alles Überflüssigen entkleidete Bewegung wird zum Ausdruck eines gelassenen und überlegenen Geistes.

Für das Jahr des Schwertes hoffe ich, allen Mitgliedern der Aikido-Union Deutschland einige interessante gedankliche Anregungen gegeben zu haben, und entsprechend dem Ideal des Schwertes wünsche ich den Meistern wie den Schülern, das Edle im Menschen vom Gemeinen trennen zu können.


Harald Ketzer
Aikido-Club Bergen-Enkheim e.V.