Aufsätze

Jahressichtmarke 2006

jsm_2006Als Motiv für die Jahressichtmarke 2006 hat das Präsidium der AUD den Fujiyama ausgesucht. Der Fujiyama ist nicht nur der höchste Berg (3776m) und das Wahrzeichen Japans, sondern er wird in der Shinto-Religion auch göttlich verehrt. So kann man, besonders im Sommer, neben den vielen Touristen auch Pilgern auf dem Weg zum Gipfel begegnen, wo sich ein Schrein befindet. Der Name existiert in mehreren Schreibweisen und entsprechend unterschiedlichen Bedeutungen, ich zitiere nur die geläufigste: "unvergleichlicher, einzigartiger hoher Berg (jap.: Yama)". Der Fuji gilt als der symmetrischste Kegel der Welt. Wenn er schneebedeckt ist, bietet er vor blauem Himmel einen geradezu magischen Anblick. Die perfekte Schönheit und die spirituelle Bedeutung des Fuji haben über die Jahrhunderte zahllose Künstler zu Gedichten, Gemälden und Geschichten inspiriert.

jsm_2006Auch in anderen Ländern und Kulturen kommt dem jeweils höchsten Berg eine besondere Bedeutung zu. Für unser von Antike, Juden- und Christentum geprägtes Abendland bringe ich einige Beispiele. Auf dem Olympos lebte in der griechischen Mythologie unter der Autorität von Zeus die Götterversammlung. Die Bibel erzählt im Alten Testament davon, dass auf dem Ararat nach der Sintflut die Arche Noahs gelandet sei. Auf dem Sinai offenbart Gott Moses die zehn Gebote. Auch im Neuen Testament finden entscheidende Vorgänge auf Bergen statt: Tabor ist der Ort der Versuchung Christi, auf Golgatha wird er gekreuzigt, vom Ölberg fährt er gen Himmel. Oft finden wir auf Bergen Kultstätten, wie die Klöster auf dem Athos, Monte Cassino und Montserrat.

Aber auch in profaner Weise ziehen hohe Gipfel Bergsteiger und Touristen an. Neben dem Mount Everest, dem höchsten Berg der Erde, nenne ich noch den alpinen Montblanc in Frankreich und die Zugspitze bei uns. Wir können uns nicht mit Reinhold Messner messen, aber viele von uns kennen sicher aus eigenem Erleben die Faszination der Berge, besonders wenn man auf ihrem Gipfel steht. Ein Aikidoka erzählte mir begeistert vom Kilimandscharo in Tansania, ich selbst spürte die magische Wirkung des Haleakala auf der hawaiianischen Insel Maui. Was macht sie aus?

Wir befinden uns dem Himmel näher und blicken auf die Erde. Die archaische Sehnsucht nach Verbindung der beiden erfüllt sich. "Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküsst", heißt es in einem Gedicht Joseph von Eichendorffs, von Robert Schumann in einem Klavierlied kongenial vertont. Dem Musikliebhaber empfehle ich noch die "Alpensymphonie" von Richard Strauss, besonders den Abschnitt "Auf dem Gipfel". Musik kann das erhebende Gefühl überhöhen, das wir vielleicht nur diffus verspürt haben, als wir endlich auf dem Bergesgipfel angelangt sind.

Was steckt tiefenpsychologisch dahinter? Es ist die uralte Sehnsucht nach dem Göttlichen, die Absage an irdisches Verlangen und der Aufstieg vom Unvollkommenen und Begrenzten zum Ganzen und Unbegrenzten. "Per aspera ad astra" - durch die Widerwärtigkeiten zu den Sternen, gerade das können wir empfinden, wenn wir uns stundenlang gequält haben, das Gipfelkreuz zu erreichen.

Wenn der Berg Himmel und Erde miteinander verbindet, ist nachvollziehbar, dass er in alten Kulturen ein Symbol für das Weltzentrum, die Weltachse war. Im Hinduismus gibt es Meru, den goldenen Weltenberg, der in der Mitte des Universums steht. Tempel wurden oft in Form von Bergen gebaut, z.B. auf Java und in Peru. Als Traumsymbol steht der Berg für ein Hindernis im Leben, das es zu überwinden gilt - meist eine schwierige Aufgabe.

Nach Erörterung der vielschichtigen allgemeinen Aspekte des neuen Jahresmotivs komme ich zu seiner Bedeutung für Aikido. Die äußeren Konturen des Fujiyama passen perfekt zum japanischen Schriftzeichen der ersten Silbe von Aikido. Seine harmonische Form spiegelt sich im "Ai".

Von der symbolischen Ebene ausgehend können wir eine Verbindung herstellen zu einer unserer Verteidigungstechniken für Fortgeschrittene, dem Tenchi-Nage, den wir auch als Himmel- und Erdewurf bezeichnen. Hierbei nimmt der Nage den Uke mit einem eintretenden oder ergänzenden Sabaki auf und verankert sein Körperzentrum durch eine koordinierte Bewegung. Diese schneidet gegenläufig, indem die eine Schwerthand nach oben zum Himmel (jap.: Ten; chin.: Yang), die andere nach unten zur Erde (jap.: Chi; chin.: Yin) führt. Dadurch wird das Gleichgewicht des Angreifers gebrochen, und er fällt auf den Rücken oder auf die Seite. Die Technik des Tenchi-Nage können wir symbolisch begreifen für die Stellung des Menschen zwischen Mikro- und Makrokosmos, sie ist auch deutbar als Bindung des Menschen an den Himmel (Seele, Geist) und an die Erde (Körper).

In diesem Zusammenhang ist sicher eine Anekdote interessant, die Meister Andr?oquet, 8.Dan Aikido, aus Japan mitbrachte und seinem Schüler Rolf Brand erzählte. Morihei Ueshiba sei einmal zum Erstaunen aller mit der Bibel unterm Arm ins Dojo gekommen. "Ich kenne dieses Buch gut und sehe übereinstimmende Prinzipien", sagte O Sensei und fügte hinzu: "Mein Aikido ist jedoch keine Religion, es könnte aber für alle Religionen nützlich sein."

Das Kreuz interpretierte er sinngemäß so: "Der senkrechte Balken symbolisiert die Verbindung zwischen Himmel und Erde, der waagerechte die Beziehung zwischen den gegensätzlichen und sich doch ergänzenden Prinzipien (Yang und Yin). Der Schnittpunkt beider Balken ist die 'rechte Mitte'. Wegen der durch die äußeren Einflüsse bedingten Wechselwirkungen unterliegt sie jedoch einem stetigen Wandel." Die "rechte Mitte" zu finden und trotz der Veränderungen zu wahren, sei die Aufgabe eines jeden Aikidoka.

Das für die Jahressichtmarke der Aikido-Union Deutschland e.V. gewählte Symbol des Fujiyama könnte die Mitglieder im Jahr 2006 wie folgt inspirieren: "Sei beständig, unerschütterlich und ruhig wie ein Berg; verbinde das Oben mit dem Unten; sei ernsthaft bemüht, deine 'rechte Mitte? zu finden und zu bewahren!".


Harald Ketzer
SC Steinberg 1953 e.V.