Aufsätze

Jahressichtmarke 2007

jsm_2007Wie vom Präsidium der AUD beschlossen, trägt die Jahressichtmarke 2007 das Motiv der Welle. Das Motiv ist ein Ausschnitt aus dem weltweit bekanntesten japanischen Kunstwerk ,,Die grosse Welle vor Kanagawa" von Katsushika Hokusai (1760 - 1849). Der Künstler hat hier nicht, wie oft angenommen, einen Tsunami dargestellt, sondern ,,Okinami", eine grosse Woge vor der Küste. In seinem Farbholzschnitt zeigt er nicht die naturgetreue Wiedergabe, eher eine starke Stilisierung. Das Werk stammt aus dem Zyklus ,,Ansichten des Berges Fuji", der in 36 Bildern die Landschaften rund um den höchsten Berg Japans einfängt. Der Fuji, der als Motiv die Jahressichtmarke 2006 prägte, ist in der rechten Hälfte des Kunstwerks deutlich zu erkennen. Zum besseren Verständnis sei es hier vollständig wiedergegeben.

jsm_2007Als Kunstdrucke gelangten die Werke von Hokusai im 19. Jahrhundert nach Europa und inspirierten zahlreiche Künstler wie Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Egon Schiele und Gustav Klimt. Auch die Plakate des französischen ,,Art Nouveau", die Malerei des Wiener Jugendstils und die vieler Expressionisten wurden durch Stilelemente des japanischen Farbholzschnitts beeinflusst.

Als Musiker möchte ich darauf hinweisen, dass die Begegnung mit diesem Kunstwerk für den französischen Komponisten Claude Debussy sehr bedeutsam war. Er wählte es als Titelbild für eine Druckausgabe seiner Tondichtung ,,La Mer". In diesen drei sinfonischen Skizzen wird nicht das Meer selbst naturalistisch dargestellt, sondern dessen Charakter in seiner Unfasslichkeit sowie seine ungestüme Leidenschaft in Klänge übersetzt. Dem interessierten Hörer empfehle ich insbesondere den Mittelteil des impressionistischen Orchestertriptychons, nämlich ,,Spiel der Wellen". Hier ist dem Komponisten ein sinnliches Klang- und Farbenspiel in Übereinstimmung mit den Geheimnissen der Natur gelungen.

Bei der nachfolgenden Interpretation des Motivs für uns Aikidoka halfen mir wertvolle Anregungen und Hinweise von Meister Rolf Brand. Dafür danke ich ihm an dieser Stelle sehr herzlich.

Bevor ich zur Bedeutung der Welle komme, einige allgemeine Ausführungen zum Wasser. Es ist ein Symbol mit sehr komplexem Hintergrund, von dem ich hier aus Platzgründen nur einige Aspekte anführen kann. Drei Viertel unseres Erdballs sind von Wasser bedeckt. Wasser stellt schon in der griechischen Antike eines der vier Elemente (Feuer, Luft, Wasser, Erde) dar und wird in Ostasien dem weiblichen Prinzip Yin zugeordnet. Es gilt als Ursprung allen Lebens und Sinnbild der Fruchtbarkeit. Doch als potenzielle tödliche Gefahr für Fischer oder Seefahrer (wie in der obigen vollständigen Abbildung ersichtlich) ist Wasser nicht nur Ursprung allen Lebens, sondern gleichzeitig auch eine alles verschlingende Macht. Zerstörerischer Ozean auf der einen Seite, ,,Wasser des Lebens" auf der anderen. Wie wir an der von uns Menschen verursachten Klimaerwärmung sehen können, resultieren aus der Missachtung der natürlichen Harmonie unseres Planeten letztendlich Katastrophen wie zum Beispiel Überschwemmungen und Tsunamis.

Das negative Beispiel ermöglicht mir einen Bezug zu unserem Aikido. Die in der ersten Silbe zum Ausdruck gebrachte Harmonie soll in drei Stufen verwirklicht werden: zunächst in uns selbst als Einheit von Geist, Seele und Körper (Ki-Shin-Tai bzw. Kopf-Herz-Hand), in einer zweiten Stufe zwischenmenschlich, schliesslich als Einklang von Mensch und Umwelt. So ist die Erkenntnis des Aikido-Begründers Morihei Ueshiba zu verstehen, als er sagte: ,,Ich bin mit dem Universum vereint."
Da alle Techniken des Aikido das Prinzip ,,AI" in kodierter Form enthalten, gilt für uns Übende: ,,Technik ist Werkzeug; Harmonie das Ziel" (Rolf Brand). Durch intensives und ausdauerndes Training entfalten sich die positiven Wirkungen. Harmonie wird fest im Unterbewusstsein des Ausübenden verankert und wirkt auf alle seine Lebens- und Wirkungsbereiche. Verglichen mit der Zahl der Aikidoka mag das nur ein kleines Rinnsal sein, aber ich erinnere an den Kreislauf des Wassers: Quellen, Flüsse, Meer, Wolken, Regen usw.. Der Schriftsteller Paulo Coelho schreibt dazu in seinem ,,Handbuch des Kriegers des Lichts": "Ein Fluss passt sich dem Weg an, der möglich ist, vergisst aber nie sein Ziel, das Meer. Zart an der Quelle, schwillt er, durch die Flüsse gespeist, auf die er unterwegs trifft, stetig an. Bis von einem bestimmten Punkt an seine Macht allumfassend ist."

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Die ,,fliessenden" Techniken des Aikido haben einen starken und eingängigen Bezug zum Wasser. Wir nehmen die Energie des Angreifers auf, lenken sie um und führen sie auf ihn zurück, einer Welle vergleichbar. Dabei befinden wir uns wie das Wasser in unaufhörlicher Bewegung. Auch für den damit verbundenen Fluss der geistigen Energie (Ki) lässt sich als Bewegungsmuster eine Welle assoziieren. Dies wird in der Aikido-Grundtechnik des Irimi-Nage besonders deutlich. Unter der umkehrenden ,,Wellenbewegung", die der Arm des Nage nach der Aufnahme des Angriffs vollführt, muss der Uke fallen.

Der chinesische Philosoph Laotse formuliert dementsprechend in seinem 78. Wort für das richtige Verhalten des Menschen:

,,Alle Welt weiß:
Schwaches zwingt Starkes,
Weiches zwingt Starres,
doch niemand handelt danach."

Im Jahr 2007 sollten wir uns bemühen, diese Weisheit auf das Aikido und alle damit verbundenen Aktivitäten und Entscheidungen zu übertragen, damit wir im Einklang mit den natürlichen Prinzipien stehen und in allen Bereichen harmonisch wirken und erfolgreich sein können.


Harald Ketzer
SC Steinberg 1953 e.V.